Fragen an Fans und Sportjournalisten

Roberto Hilbert hatte es wohl kaum mitbekommen. Sein VfB Stuttgart führte 4:1 gegen den Tabellenführer aus Wolfsburg, das Meisterschaftsrennen war an diesem 31.Spieltag der vergangenen Saison wieder offen. Hilbert spielte einen Diagonalpass in die Füße des Gegners – worauf sich im Stuttgarter Stadion ein hörbares Grummeln vernehmen ließ.
Es mag an der spezifisch schwäbischen Mentalität liegen, mehr zu schimpfen als zu loben, aber trotzdem ist diese Begebenheit bezeichnend für die Strenge der Fans in deutschen Fußballstadien. Als die deutsche Nationalelf nach der körperlichen und mentalen Kraftanstrengung gegen Russland nur mäßig spielte im folgenden, unbedeutenden Spiel gegen Finnland, wurde sie ausgepfiffen. Fußballer haben zu funktionieren, Fehler führen schnell zu Unmut. Vor allem Torwartfehler sind selbst für Laien schnell ersichtlich.
Der schnelle Groll speist sich aus den maßlosen Erwartungen, denn Fußballspieler sind mehr als Sportler, sie sind moderne Helden. Die Fallhöhe der Fußballstarts ist so hoch, weil sie im überhitzten und überdimensionierten Fußballkosmos Göttergleich inszeniert werden. Teil dieser modernen Heldensagen und –inszenierungen sind auch die, welche eigentlich abseits der Hektik des Fußballbetriebs einen nüchternen und distanzierten Blick auf das Treiben werfen sollten: Sportjournalisten.
Das Subsystem Sportjournalismus ist eine Besonderheit im System Journalismus. Es ist nicht klar abgegrenzt zum System Sport, über das es berichtet. Die Grenzen sind verschwommen, weil Akteure und Berichterstatter oft ähnliche Interessen haben. Die ARD hat sich beispielsweise die Rechte für die Samstagsberichterstattung über die Bundesliga teuer erkauft. Es liegt demnach im Interesse der Sportschau eine gute Quote zu haben. Die Sendung wird so zur verlängerten Fußballarena, in der die großen Gefühle des großen Fußballs zu sehen sind, die unterhält und weniger informiert, wie Wissenschaftler der Uni Münster bereits vor vier Jahren kritisierten. Das ist auch wiederum ganz im Interesse der Fußballmanager, denn Emotionen bringen auch Menschen ins Stadion und damit Geld in die Kasse.
Sportjournalisten sind Teil des Geschehens, aufgeregt wie die Fans und überhitzt wie das ganze Geschäft. Die Enttäuschungen mancher Fans über Spieler entstehen auch deswegen, weil sie tagelang zuvor gelesen und gehört haben, was für ein großartiges Talent diese Spieler haben. Sebastian Deislers Spitzname „Basti-Fantasti“ war keine Erfindung von Fußballanhängern.
Und alle Sportjournalisten wünschen sich wohl mehr solcher Interviews wie Philipp Lahm eines gab. Über jenes Interview wurde jedoch so aufgepeitscht berichtet, dass künftig wohl jeder Verein seinen Spielern auch das letzte offene Wort verbietet.
Direkt nach Schlusspfiff müssen sich Fußballer unverzüglich erklären, freilich vor allem dann, wenn sie gepatzt haben. Statt ihnen auch eine gewisse Ruhe zu gönnen, statt ihnen auch Fehler durchgehen zu lassen, werden sie gehetzt. Wir haben es mit Millionären zu tun, die das auch aushalten müssen, mag man einwenden. Aber Fußballer wie Deisler haben eindrucksvoll beschrieben, wie unwichtig Geld ist, wenn man sich in den Mühlen des Geschäfts zerrieben fühlt.
Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler, bemerkte der frühere Sat.1-Chef Roger Schawinski einmal. Welcher Fußballfan würde sich dauerhaft die Sportschau ansehen, wenn dauernd nur kritisch über die Kommerzialisierung des Fußballs, über Spieler und Vereine berichtet werden würde? Der Sport erfüllt für die Fans wichtige Funktionen: Ablenkung, Ausleben und Projektion. Fußballstars sind Vorbilder. Zumindest eignen sie sich, um eigenen Druck abzubauen. Und Heldengeschichten sind keine Erfindung windiger Marketingmanager. Der moderne Fußball mit seinen Gladiatoren in den Arenen greift kulturelle Mythen auf. Die germanischen oder die griechischen Heldensagen sind Zeugnis des Bedürfnisses nach Menschen, die perfekt erscheinen, ohne die alltäglichen Makel und Unzulänglichkeiten behaftet. Sportjournalisten liefern solche Heldengeschichten und unterstützen die Inszenierungen, weil es ihr Publikum durchaus auch so will.
Dass ist jedoch keine Entschuldigung dafür, dass erst durch den Tod von Robert Enke das Tabu der Schwäche im Fußball auch in der Berichterstattung thematisiert wird. War Sebastian Deislers Leiden noch nicht Grund genug? Aber selbst jetzt schaffen es viele Sportjournalisten nicht, endlich einmal eine Markoperspektive auf das Geschehen zu werfen, Kritik an den Strukturen des Leistungssport ist eher selten zu lesen oder hören. Stattdessen findet eine abermalige Verklärung von Robert Enke statt, wie der Sportsoziologe Gunter Gebauer kritisiert. Das Spektakel ging bereits mit der Trauerfeier für Enke weiter. Und womöglich werden dieselben Fans, die gestern noch getrauert haben, am kommenden Samstag bereits nach dem dritten Rückpass in Folge wieder murren.