Münchner Mauerbau

Am 9. November 1989 durchbrachen Bürger der DDR die Mauer eines Staates, der ihnen vieles vorenthielt, beispielsweise ihre Meinung frei zu äußern.
Am 9. November 2009 entschuldigt sich Philipp Lahm bei Bayern München dafür, seine Meinung frei geäußert zu haben. Obendrein muss er noch mindestens 25.000 Euro Strafe zahlen.
Ein ungehöriger Vergleich vielleicht, mussten die DDR-Bürger doch in einer Diktatur leben, während Philipp Lahm die vereinsinterne Zensur mit einem jährlichen Millionengehalt erträglich gemacht wird und sonst darf der Bürger Lahm durchaus seine Meinung kund tun. Beispielsweise als er sich als politisch konservativ bekannt, da musste er von Uli Hoeneß freilich kein Donnerwetter erwarten. Trotzdem enthält der Casus Lahm eine gewisse Brisanz, gerade weil er unmittelbar um den 20. Jahrestag des Mauerfalls stattfindet.

Philipp Lahm hat gegen Vereinsregeln des FC Bayern verstoßen, wonach Kritik nicht öffentlich geäußert werden dürfe und zudem jedes Interview vom Verein autorisiert werden müsse – so steht es auch wohl im Vertrag der Münchner Lizenzspieler. Lahm hat sich nicht daran gehalten, also muss er büßen. Diese Form der Zensur ist nicht unüblich in der Branche, gleichwohl stellt sie eine Einschränkung des grundgesetzlichen Rechts auf freie Meinungsäußerung dar. Lahm hat in deutlichen, aber sachlichen Worten Kritik geübt, was er aber eigentlich nicht darf.

Das Verhalten des FC Bayern ist auch in der Nervosität der Führungsfunktionäre begründet, schließlich will Uli Hoeneß bald zum Präsidenten gewählt werden. Hierfür ist es hinderlich, wenn über falsche Einkaufspolitik diskutiert wird, für die Hoeneß verantwortlich zeichne.
Es ist aber auch eine logische Konsequenz der Wandlung einer Organisation zu einem Unternehmen, das der Marketingsystematik gehorchen muss und PR betreibt. Fußballvereine bewegen sich in einem kommerzialisierten Umfeld. Sie sind mittelständische Unternehmen, die ein Produkt verkaufen, nämlich Fußball. Die Gestaltung dieses Produktes ist dabei eine Aufgabe des Marketings, das Produkt soll den Bedürfnissen des Marktes maximal angepasst werden. Dazu gehört auch eine tadellose Außendarstellung und die Stimmigkeit zwischen dieser Darstellung und dem Produkt.
Dieses Produkt besteht im Fußball aus Spielern, die den Fans im günstigsten Fall ein attraktives, aber zumindest ein erfolgreiches Spiel bieten sollen. Der Verein und sein Image sind dabei mit positiven Emotionen aufzuladen, damit die Bindung des Fans an den Verein gestärkt wird, freilich auch die Bindung seines Kontos. In die Marketinglogik und PR-Logik passen Kritik, Zwist und öffentliche Diskussionen nicht mehr. Spieler sollen schließlich zum Glanz der Vereinsmarke beitragen. Was Philipp Lahm getan hat, verletzt die Grundregeln eine Unternehmens, das sich positiv darstellen will.

Philipp Lahm ist nicht der einzige, der zu Kreuze kriecht, weil seine Organisation nunmehr auf eine Kongruenz von Corporate Image und tatsächlicher Außendarstellung achtet. Auch an Universitäten hat aufgrund der Umstrukturierung zu Unternehmen der Marketing- und PR-Gedanke Einzug gehalten. Mehrere Dozenten sind bereits abgemahnt worden, weil sie öffentlich die eigene Uni kritisiert hatten, beispielsweise in Bielefeld oder Konstanz.
Es geht nicht mehr um den aufrichtigen Diskurs, das Ringen um das stärkere Argument, sondern allein darum, die Macht über das eigene Bild in der Öffentlichkeit inne zu haben. Und diese Öffentlichkeit wird als Marktumfeld begriffen, in dem man sich möglichst positiv zu platzieren hat, und für das die eigene Marke mit starken und positiven Emotionen aufgeladen wird.
So sind die Bayern-Bosse auch mit keinem Wort inhaltlich auf Lahms Kritik eingegangen, warum auch. Der kritische Diskurs ist unerwünscht. Wer das nicht akzeptiert, wird bestraft.

Dabei ist es im Sinne einer demokratischen und nichtvermachteten Öffentlichkeit geboten, dass unterschiedliche Interesse und Meinungen offen dargelegt werden und dass Auseinandersetzungen auch vor dem Publikum geführt werden, so lange sie nicht beleidigend oder ehrverletzend sind. Zwar ist die Bedeutung des FC Bayern für die Demokratie eher bescheiden, mag er noch so glorreich sein. Aber auch der gemeine Anhänger der Bayern hat ein Recht darauf, von solchen Diskussionen Kenntnis zu erlangen, da sie grundlegende Fragen der Vereinspolitik betreffen – und für diesen Verein gibt der Fan schließlich auch Geld aus.

Zensurähnliche Vorgaben sind jedoch eine logische Konsequenz aus dem Versuch von Unternehmen, sich im Markt “optimal aufzustellen und zu präsentieren”, wie man wohl als Manager sagen würde. Das ist wahrscheinlich oft gut für das Unternehmen, für eine demokratische Gesellschaft jedoch bedrohlich.

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